MDR FIGARO

Feature | MDR FIGARO | 29.03.2008 | 19:05 Uhr

Einmal Paris und zurück!

"Ein Original aus Magdeburg: Der eiserne Gustav"

Vor 80 Jahren - am 2. April 1928 - machte sich Gustav Hartmann mit seiner Droschke und dem Gaul Grasmus auf den Weg nach Paris. In fünf Monaten bewältigte er die Strecke Berlin-Paris-Berlin. Als "eiserner Gustav" ging er in die Geschichte ein.

Der 68-jährige Gustav Hartmann wollte sein marodes Droschkenunternehmen nicht sang- und klanglos eingehen lassen, sondern beschloss, mit einem Paukenschlag davon Abschied zu nehmen: Mit seiner einspännigen Droschke und dem Gaul Grasmus wollte er in fünf Monaten die Strecke Berlin-Paris-Berlin bewältigen. Die Notjahre nach dem Ersten Weltkrieg waren überwunden, die goldenen Zwanziger auf dem Höhepunkt. Rekordleistungen der Technik und des Sports begeisterten die Welt: Charles Lindbergh überflog den Ozean, Sven Hedin jagte 1928 durch die Wüste Gobi, der Australier Hinkler absolvierte in einem Alleinflug 20.000 Kilometer von London nach Australien, ein Einbeiniger mit Prothese erklomm schwierigste Hochgebirgsgipfel – alles im selben Jahr. Auch Gustav Hartmann wollte sich beweisen und pünktlich zu seinem 69. Geburtstag in Paris eintreffen.

Eine Kindheit in Magdeburg

Geboren wurde Gustav Theodor Andreas Hartmann am 04. Juni 1959 in Magdeburg. Sein Vater war ebenfalls Kutscher. Um Arbeit zu finden, zog die Familie in das nahegelegene Dorf Biere, wo Gustav aufwuchs. Als Jugendlichen zog es ihn in die große Stadt Hannover, wo er eine Lehre als Müller begann. Als solcher arbeitete er nicht lange, sondern ging lieber nach Berlin, wo er in Wannsee einen Kolonialwarenladen eröffnete. Der Laden kam nicht so recht auf die Beine, und so eröffnete Hartmann mit gerade mal 25 Jahren ein Fuhrgeschäft: Wannseedroschken, Umzugwagen, Kremser und Transporte aller Art. Schon bald machte er sich in dem vornehmen Villenviertel Wannsee einen Namen. Er fiel auf durch seine humorvolle Art.

Auf nach Paris!

Mit einem weißen Wachstuchzylinder samt Kokarde und schwarzem Schnallenband, wie er für festliche Anlässe üblich war, im dunkelblauen Rock, machte sich Gustav Hartmann auf den Weg. Vor der Kutsche lief das Pferd "Grasmus", das eigentlich "Erasmus" hieß. Doch Hartmann hielt das schnörklige Sütterlin-E auf dem Kaufschein für ein G. Wenn man ihn nach dem komischen Namen fragte, sagte er:

"Der heißt Grasmus, weil er aus Gras Mus
macht!"

Gustav Hartmann
Feature "Ein Original aus Magdeburg"

Unterwegs als Friedensbote

Der Jubel, den Hartmann auf dem Weg nach Paris begleitete, war unbeschreiblich. Der deutsche und französische Blätterwald rauschte, man begrüßte ihn in einer Zeit zäher diplomatischer Grabenkämpfe zwischen Deutschland und Frankreich als einen Friedensboten der besonderen Art, der mit seiner Reise in die Hauptstadt des "Erzfeindes" Frankreich für die Völkerverständigung warb. An seinem 69. Geburtstag, am 4. Juni 1928, traf er wie geplant in Paris ein. Seine Ankunft wurde ein Riesenerfolg: Ansprachen Einladungen, Rundfahrten. Nach zehn Tagen ging es wieder in Richtung Heimat. Am 12. September erreichte er schließlich wieder Berlin, wo er von Tausenden Menschen am Brandenburger Tor empfangen wurde.

Zu große Füße für ein Automobil

Nach seiner Rückkehr wurde Gustav Hartmann Schirmherr einer Stiftung für die Hinterbliebenen, der in Ausübung ihres Berufes zu Tode gekommene Taxifahrer. Außerdem versuchte er, seine Paris-Reise kommerziell zu verwerten, trat in Varietés auf und verkaufte an einem kleinen Stand am Bahnhof Wannsee Postkarten. Im Alter von 79 Jahren - am 23. Dezember 1938 - starb Gustav Hartmann. Dass er mit seiner spektakulären Reise gegen das Auto opponieren wollte, ist eine später entstandene Legende. Heute weiß man, dass er selbst versucht hat, auf das Auto umzusteigen. Aber wenig erfolgreich ... Mit seinen gewaltigen Füßen pflegte er Kupplung, Gas und Bremse immer gleichzeitig zu treten.

Zuletzt aktualisiert: 28. März 2008, 21:28 Uhr

 

"Ein Original aus Magdeburg: Der eiserne Gustav"

Ein Porträt von Gunnar Müller-Waldeck

 
 
 
 
 
 
 

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