Zum 80. Geburtstag am 28. Dezember
Hildegard Knef - Das Leben eine Achterbahn
von Heide Böwe
Nach ihrer Filmkarriere im Nachkriegs-Deutschland und in Hollywood avanciert die Knef ab 1963 zur "größten Sängerin ohne Stimme", wie Ella Fitzgerald sie nennt. 2002 stirbt Knef in Berlin. Über ihre Krebskrankheit schreibt sie 1975 ein Buch: "Das Urteil". In der FIGARO-Lesezeit hören Sie Auszüge, gelesen von der Autorin.
Kriegskind mit Berliner Schnauze
So wie Marlene Dietrich "die Dietrich" war, ist sie die "die Knef" gewesen. Auch sie war aus dem Stoff, aus denen Stars gemacht sind. Nur war sie bodenständiger und ruppiger als ihre Schauspielerkollegin, die seit Hollywood ihre Freundin blieb. Die rauchige Stimme war ihr Markenzeichen, die aufgeklebten schwarzen Wimpern ihre Uniform. Ein neuer Typ: das Kriegskind, das aus den Trümmern kam, mit der Berliner Schnauze – von einer Schönheit, die die Zeiten überdauert: In der schon grissligen Filmkopie von Staudtes "Die Mörder sind unter uns" ist ihre Leuchtkraft auf der Leinwand heut noch zu bestaunen. Als sie dann später in der "Sünderin" für zwei Sekunden ihren nackten Körper zeigte, sind die spießigen Moralapostel ausgeflippt! Der Film wurde zum Skandalobjekt, gleichzeitig aber zum Kassenrenner, sogar Stinkbomben explodierten in den Kinos!
Mit ihrem zwanzig Jahre älteren Geliebten, einem Nazi, erlebt sie das Kriegsende; mit einem amerikanischen GI geht sie nach Amerika; ein Brite wird ihr zweiter Ehemann und Vater ihres Kindes; ein deutscher Landedelmann pflegt sie bis zu ihrem Tode.
"Lehrjahre" in Hollywood
In Ulm geboren, hat sie das Schicksal nach Berlin verschlagen. Die Stadt, wo sie später "unsre Hilde" wurde, blieb ihr zentraler Anlaufpunkt und ihre Heimat. Bei der UFA hatte sie eine Malausbildung begonnen, doch bald schon "die Einsamkeit des Zeichenblocks mit der Lebendigkeit der Bühne und der Filmleinwand" eingetauscht. Das Kriegsende erlebt die 20jährige als Junge verkleidet in russischer Gefangenschaft. Nach ihren deutschen Filmtriumphen "Die Mörder sind unter uns" und "Film ohne Titel" wird sie 1947 nach Hollywood gerufen. Trotz Warnungen ihrer wohlmeinenden Regisseure, Wolfgang Staudte, Helmut Käutner und auch Boleslaw Barlog, bei dem sie ihre Theaterlaufbahn begann, macht sich die 22jährige auf den Weg: Allzu verlockend ist das Angebot. Doch als sie dort ankommt, will Hollywood nichts von ihr wissen. Später nennt sie in diese Zeit ihre "Lehrjahre".
"In diesen zwei Jahren, in denen ich da rumgelungert bin wie eine verwelkte Palme, traf ich Ludwig Marcuse, der Professor für Literatur an der UCLA war. Sein Englisch war haarsträubend schlecht. Und er freute sich halb tot, dass er jemanden traf, der auch Berlinisch verstand und außerdem Deutsch. Er sagte: 'Du hast bestimmt nur an den Nazischulen gelernt.' Zwei Jahre lang erhielt ich von Marcuse jede Woche ein Buch. Thomas Mann, Kafka, Baudelaire, alles, was bei den Nazis verboten war."
Durchbruch nicht im Film, sondern am Brodway
1950 kehrt sie nach Deutschland zurück, um die "Die Sünderin" zu drehen. Als solche geächtet, kehrt sie nach Amerika zurück. Sie arbeitet in deutschen, britischen und französischen Filmproduktionen. Doch der Durchbruch gelingt "Hildegarde Neff", wie sie in den USA genannt wird, nicht im Kino, sondern an einem Broadway-Theater: Cole Porter hatte sie in dem Film "Der Schnee auf dem Kilimandscharo" singen gehört und engagierte sie für seine neue Produktion, das Musical "Seidenstrümpfe", in dem sie von 1954 bis 1956 als russische Kommissarin Ninotschka singend im schäbigen Ledermantel rauschende Erfolge feierte. "Hochleistungssportjahre" nennt sie diese Zeit, in denen sie acht Vorstellungen pro Woche spielt, die alle drei Stunden und vierzig Minuten dauern – 675 Tage lang!
"Größte Sängerin ohne Stimme" und literarischer Erfolg
Ihre zweite Karriere beginnt sie 1963 als Chanson-Sängerin mit zum Teil selbst getexteten Liedern. "Für mich soll’s rote Rosen regnen" singt die "größte Sängerin ohne Stimme", wie Ella Fitzgerald sie nannte, 1966 auf ihrer Welttournee. Insgesamt hat sie über 200 Lieder aufgenommen. 1999 erscheint ihr letztes Album.
So wie kein Mensch an ihre kometenhafte Karriere als Sängerin geglaubt hatte, tritt sie noch eine dritte an, die einer Schriftstellerin. Mit unbestechlicher Intelligenz ausgestattet nebst der Fähigkeit, sich messerscharf und differenziert zu formulieren, verfasste die Knef 1970 eine Autobiografie, die weit über übliche Filmstar-Memoiren hinausgeht und von der Kritik nicht nur als Zeitzeugnis, sondern als ein literarisches Werk gewürdigt wird. "Der geschenkte Gaul" wird zum meistverkauften deutschen Buch der Nachkriegszeit und mit dem Klappentext ihres Freundes Henry Miller auch in Amerika ein Bestseller:
"... Dies ist kein Buch, sondern ein höchst lebendiges, tief erschütterndes menschliches Dokument... Fünfundzwanzig Jahre nach dem Krieg geschrieben, liest es sich, als wäre das alles erst gestern geschehen. Ihr Gedächtnis ist phänomenal, ihr Humor gnadenlos."
Kritische Stimmen, ihre Kriegsschilderung betreffend, werden erst später laut. Die Knef dazu: "Lebensläufe sind Lügen. Vorsätzliche."
Katastrophe Krebs als Buch-Thema polarisiert
"Ich war plötzlich etwas vollkommener." sagt sie nach ihrem Bucherfolg und der Geburt ihrer Tochter. Und dann die Katastrophe: Diagnose: Krebs! In den siebziger Jahren galt dieses Thema in der Gesellschaft als Tabu. Die Knef, die nach der Regel lebte: "Privates ist strikt öffentlich!", zeigt nun auch öffentlich ihre Wunden her. Ihr Buch "Das Urteil", eine detaillierte Schilderung ihrer Krebserkrankung, wird 1975 auf der Buchmesse in Frankfurt eine Sensation:
"Ich wollte ein paar heilige Kühe schlachten. Da ist einmal diese heilige Kuh, das Krankenhaus. Ich fand, es musste einmal gesagt werden, welche Hölle sich zwischen den geputzten Mauern abspielt. Warum wird ein Kranker schon an der Pforte entmündigt, behandelt wie ein Idiot."
Das Buch polarisiert die Presse, ihr Name wird erneut zum Reizwort erklärt.
"Hier klagt und kritisiert und schimpft eine Hochempfindliche, eine Übererregbare."
Aus Paris schreibt Marlene Dietrich an das "geliebte Hildekind:"
"... Du armes Schnuck, Du hattest Dein ganzes Leben lang Kummer, vor einigen Jahrhunderten hätten sie Dich zu einer Heiligen für Ausdauer gemacht."
"Ich gebe niemals auf!"
Von da an spricht die Knef von 56 Operationen, die ihr widerfahren sind und von ihrer "schier endlosen Kriegs-, Arzt-, Berufsversehrten-, Unfall- und Krankengeschichte". Ihre Krankheit, nebst ihrer Scheidung von ihrem zweiten Ehemann, ist ein gefundenes Fressen für die Boulevardpresse. Die BILD-Zeitung druckt ihr Ganzkörperphoto, auf dem Pfeile auf bereits operierte Körperteile weisen. Der strahlende Star nun eine Leidens- und Stehauf-Frau – Projektionsfläche für viele. 1982 nach einer erfolglosen Welttournee, zieht sie sich nach Hollywood zurück. 1985 ein TV Portrait "Ich gebe niemals auf". Dann dreht sie wieder Filme, um Geld zu verdienen, beschäftigt sich mit Parapsychologie – auch daraus wird ein Buch.
Ihre Bemühungen als Malerin bleiben von der Kunstkritik unbeachtet. "Ich werte alle meine Begabungen aus.", sagt sie. Wieder in Berlin, hat sie sich noch einmal neu erfunden und ihr Talent als Modedesignerin ausprobiert. Fast nur noch im Rollstuhl verbringt sie ihre letzten Jahre. Am 1. Februar 2002 stirbt sie an Herzversagen nach akuter Lungenentzündung in Berlin.
Film- und Theaterstar, Sängerin, prominente Textautorin und Malerin. Über sechzig Filme, zehn Plattenalben, sieben Bücher – ihr Leben hätte für drei gereicht! Auch ihre Beerdigung ist eine Fernseh-Show – und tausend Rosen regnet's auf ihr Grab. Am 28. Dezember hätte Hildegard Knef ihren 80. Geburtstag gefeiert.
Sie war die letzte deutsche Diva.
(Quelle: TRIANGEL, Heft 12/2005)
Zuletzt aktualisiert: 30. Dezember 2005, 17:22 Uhr


